Begegnung der unbekannten Art


Australien ist das Reiseziel vieler Menschen. Ob als Backpacker oder mit dem Camper unterwegs, einzigartige Erlebnisse sind garantiert.

Ich bin auf dem Weg von Perth nach Darwin.

Ein zweispuriger Highway verbindet die Menschen an der dünn besiedelten Westküste des Kontinents. Nach einigen Wochen liegen Geraldton, Broome, Kununurra und Katherine hinter mir. Wochenlanges Fahren in einer fast menschenleeren Landschaft hat meine Wahrnehmung verändert. Die Sinne stumpfen ab, nicht nur durch die Hitze, sondern auch durch die monotone Landschaft. Außer großen Schlangen, die sich stellenweise über den heißen Asphalt schieben, unzähligen Kängurukadavern und Zwergbüschen, gibt es nicht viel zu sehen. Erst 2000 Kilometer nördlich von Perth wandelt sich die karge Wüstenvegetation und tiefrote Felsbänder, Sümpfe, Flüsse und grüne Gewächse bestimmen das Landschaftsbild.

Ich fahre landeinwärts und erreiche den Litchfield Nationalpark. Ein tropisches Naturwunder mit zerklüfteten Tafelbergen, spektakulären Wasserfällen und natürlichen Pools, die Touristen zum Baden einladen. Im Buley-Wasserloch zu sitzen, empfinde ich als eine absolute Wohltat, aber bereits nach kurzer Zeit belagern immer mehr Besucher den Badeplatz. Als Folge der wochenlangen Reizarmut, merke ich, dass es mir inmitten der vielen Menschen schnell zu eng wird und da mehrere Pools kaskadenartig aneinandergereiht sind, entdecke ich in 100 Meter Entfernung ein weiteres Becken.

Ich tauche in das Wasser ein und platziere mich in der tiefen Mitte des Wasserlaufes, wo mir das plätschernde Nass genüsslich über die Schultern läuft.

Beim Anblick der grünen Kulisse, die den Pool wie ein Band der Geborgenheit umrankt, entspannen meine Sinne. Wilde, stille Freiheit. Von mir aus könnte sie ewig andauern. Ich fühle mich eins mit der Natur, als dieser Frieden plötzlich durch ein Rascheln und Knacken gestört wird, das aus dem dichten Blattwerk kommt, wo sich der grüne Uferbewuchs zu einem undurchdringlichen Dschungel verdichtet. Pflanzenteile bewegen sich. Neugierig wende ich meinen Blick den sich bewegenden Gräsern zu, aber ich kann nicht sehen, was da im Begriff ist, meine himmlische Wasserruhe zu stören. Das Rascheln wird lauter, rückt näher und zeigt sich schließlich. Etwa drei Meter entfernt von mir gleitet ein längliches schwarzes Tier zu mir in den Pool und taucht unter. Der kompakte Körper signalisiert, dass es (wahrscheinlich!) keine Schlange ist, aber mein Adrenalin steigt enorm an. Was könnte das sein? Während meine Gedanken Achterbahn fahren und sich die größten Gefahren ausmalen, aktiviert sich mein Körper zur Flucht, denn es gibt im Northern Territory auch Krokodile. Wenn das ein junges Krokodil ist! Meine angstbesetzten Gedanken laufen zur Hochform auf und benebeln die Sinne. Der schwarze Kopf taucht wieder auf und schwimmt an mir vorbei. Wenn ich jetzt hochschieße und mich Richtung Ufer bewege … – die Impulse sind da, aber ich bleibe hocken. Körper und Gedanken sind lahmgelegt wie beim Kaninchen, das vor Angst vor der Schlange erstarrt. Die Welt scheint stillzustehen.

Ich weiß nicht wieviel Zeit vergangen ist, als ich beobachte wie sich der halbmeterlange Körper auf kurzen Beinen ins dichte, schützende Grün auf der Uferseite schiebt.

Das Wesen, das ich nicht identifizieren kann, zeigt keine Anzeichen von Unruhe oder Angriffslust. So schnell wie es aufgetaucht war, ist es wieder im grünen Blätterwald verschwunden. Meine Muskeln entspannen, auch weil ich mir nun sicher bin, dass es kein Krokodil war. Ob mich das Tier im Wasser bemerkt hat? Ob es auch einen störungsfreien Platz gesucht hat? Vielleicht kehrt es zurück? Vorsichtshalber verlasse ich den Pool.

Später erfahre ich, dass es sich um eine Echse gehandelt haben muss, von denen es sehr viele Arten in Down Under gibt. Sie können bis zu einem Meter lang werden und gehören, wie die Krokodile, zur Familie der Reptilien.

Krokodilbesetzte Wasserplätze sind im Northern Territory ausgeschildert. Das Buley Rockhole ist „krokodilfrei“ und baden ist erlaubt. Aber nach dieser Erfahrung bin ich nie wieder in ein Wasserloch gestiegen. Kurze Zeit später begann ich in Darwin nach Angriffen von Krokodilen auf Menschen zu recherchieren und fand genügend Material für ein umfangreiches Buchkapitel.